Der große Knecht und die Pfarrersfrau  
   
  Wohl bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts gehörte zum Heeper Pfarrhaus ein ansehnliches Stück Ackerland und die so genannte Pastorenwiese. Die damaligen geldlichen Bezüge des Pfarrers waren so knapp bemessen, dass Ackerland und ein wenig Vieh schlicht und einfach zum Lebensunterhalt notwendig waren.  
   
  Wie in all den Jahren zuvor, hatte der Pfarrer dem Landwirt Meyer zu Heepen den Auftrag erteilt, das Ackerland umzupflügen. Dabei sprach er so beiläufig die Bitte aus, ihm doch nach Möglichkeit nicht den großen Knecht zu schicken, sondern den kleinen, weil der angeblich eine gerade Furche pflügen könne. In Wirklichkeit steckte die Pfarrersfrau dahinter. Sie wusste aus den vergangenen Jahren, dass der große Knecht, der immer das Land umgepflügt hatte, beim obligatorischen Frühstück so gewaltig zulangte. Die ziemlich ausgeprägte Sparsamkeit der Pfarrersfrau, im Dorf sprach man auch schon hier und da von Geiz, war allgemein bekannt geworden.  
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  Die zupackende Art des großen Knechts am Frühstückstisch war ihr also mehr als ein Dorn im Auge. Aber der Herr Meyer zu Heepen scherte sich nun herzlich wenig um den Wunsch des Pfarrers und schickte ihm nicht den kleinen, sondern den großen Knecht. Der kam dann morgens schon ganz früh, um mit dem Gespann den Acker umzupflügen Das der große Knecht nach anstrengender Arbeit und noch dazu bei seinen übergroßen Körpermaßen einen Mordshunger hatte, lässt sich denken. Die Pfarrersfrau ahnte aber schon, was sich da wohl zusammenbrauen würde. Als er zum Frühstück gerufen wurde, hatte er nur einen Wunsch, das Mahl so reichlich vorzufinden, wie in all den Jahren zuvor. Der Knecht wurde dabei nicht enttäuscht. Jedenfalls ließ er es sich gut munden. Unter seinen kräftigen Händen zerrann alles Essbare wie die Butter in der Sonne. Das konnte man in diesem Fall sogar wörtlich nehmen, denn zum Entsetzen der Pfarrersfrau strich sich der Knecht wieder mal die Butter fingerdick auf das Brot und mit dem Belegen durch die schmackhafte Sommerwurst war er alles andere als zimperlich. Die Pfarrersfrau die alles beobachtet hatte, konnte sich nun nicht mehr zurückhalten, indem sie dem Knecht in etwas feinerer Manier, aber mit einem gewissen Unterton zurief: "Das ist hier aber heute eine gute, teure und frische Butter, die da auf dem Tisch steht, ich habe sie erst gestern auf dem Hassebrock gekauft. " Jou Frau Pastoua, datt schmäck äick, die iss vanna jouden Auad", ("Ja Frau Pastor, das schmecke ich, die ist von einer guten Art"). Er hatte den Unterton der Pastorenfrau und das was sie damit zum Ausdruck bringen wollte, überhaupt nicht verstanden. Flugs machte sich der Knecht die nächste Stulle fertig. Natürlich wieder neben der reichlichen Butter mit ein paar dicken Scheiben von der köstlichen Sommerwurst belegt, die noch unangeschnitten vor ihm lag.  
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  Nun startete die Pastorenfrau den zweiten Versuch, um noch zu retten, was noch zu retten sei. Sie sagte: "Es ist die letzte Sommerwurst, die ich euch hier vorgesetzt habe. Unsere Wurstbühne ist jetzt leer". "Market nicks Frau Pastaua", antwortete darauf der Knecht. " Wänn äick datt Stücke Woust uppeeden häbbe, ßin äick auk ßatt", und schon langte er nochmals hin. Dabei schob er noch nach: " Frau Pastoua, ßeui wassen huide wäia mäd den Uppdisken sou jrauddüchtig. Im naichsten Joua kumä äick wäia." ("Macht nichts Frau Pastor", antwortete darauf der Knecht. "Wenn ich das Stück Wurst aufgegessen habe, bin ich auch satt", und schon langte er nochmals hin. Dabei schob er noch nach: "Frau Pastor , sie waren heute wieder mit dem Auftischen so großzügig. Im nächsten Jahr komme ich gerne wieder." Die Heeper Pastorenfrau hörte sich das mit ziemlich saurer Miene an. Bestimmt war sie von dem Wunsch des Knechtes mit seiner Selbsteinladung nicht sonderlich begeistert gewesen.  
   
  Im Gegenteil, der Landwirt Meyer zu Heepen musste ihr das Versprechen geben, im nächsten Jahr mit Bestimmtheit nur den kleinen Knecht zu schicken. Den großen Knecht würde sie erst gar nicht auf den Acker lassen.  
   
^ Nacherzählung von Walter Berkenkamp